Mittwoch, 28. Oktober 2015

KUSHIEL - DAS ZEICHEN (DIE KUSHIEL 1)

Titel: Kushiel - Das Zeichen (Die Kushiel 1)
Kushiel's Dart
AutorIn: Jacqueline Carey / Übersetzerin: Ann Lecker
Verlag: Heyne Verlag / orig. TOR books
Erscheinungsdatum: dt. 2009 / orig. 2001
Umfang: 961 Seiten (dt.)

Terre d’Ange ist ein Ort der Schönheit und Anmut, und seine Bewohner leben nach einer einfachen Regel: Liebe, wie es dir gefällt. Doch Phèdre, seit ihrer Geburt mit einem roten Mal gezeichnet, ist eine Ausgestoßene. Eines Tages entdeckt ein Edelmann ihre Gabe, Lust am Schmerz zu empfinden, und sie wird Kurtisane am königlichen Hof. Fortan sieht und hört sie alles – auch die Vorboten eines unglaublichen Verrats...

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Tausend Seiten, trotzdem nur der erste Teil einer Trilogie, auf dem Cover eine Frau in zu engen Lederleggins und einem halb aufgeschnürten Korsett – manche Leser fragen sich: Warum sollte ich das bitteschön lesen?

Die kurze Antwort: Weil dieser Roman von der Stimmung her epische Fantasy ist und es gleichzeitig meisterhaft schafft, Elemente des Liebesromans einzuknüpfen.

Der Schauplatz ist beinahe Frankreich zur Zeit der Renaissance. Beinahe, denn in der Vergangenheit geschah etwas, was die Welt für immer verändert hat. Elua, ein Gott, der von Jesus, Maria Magdalena und der Mutter Erde abstammt (ja, klingt absurd, aber wir reden hier von religiösen Schöpfungsmythen, da darf man das nicht so eng sehen), ist vor Jahrhunderten nach Frankreich gekommen und hat hier sein Reich erschaffen: Terre d’Ange. Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlicher Umgang sind in Terre d’Ange viel weiter entwickelt als bei den europäischen Nachbarn. Religion spielt eine wichtige Rolle. Wer jetzt an keusche Mönche in Roben denkt, irrt gewaltig. Das Credo der Religion ist: Love as thou wilt – Liebe, wie es dir gefällt. Kurtisanen sind in dieser Welt sozusagen Priesterinnen. Phèdre, die Heldin dieser Geschichte, ist eine von ihnen.

„In pain, there is only the eternal present. I fell into it as if into a dark, bottomless well, seeing the bronze mask of Kushiel hanging before me, stern and compassionate, bronze lips moving, speaking words I felt in my bones. Pain redeems all. It is the awareness of life, a reminder of death.“ (Kapitel 87)

Sie ist von Geburt an gezeichnet durch „Kushiels Pfeil“, einen roten Fleck in ihrem Auge, der sie als Auserwählte des Gottes Kushiel kennzeichnet. Konkret bedeutet dies, dass Phèdre Masochistin ist. Es bedeutet aber nicht, dass dieses Buch eine lange Ansammlung von billigen Sexszenen ist. Mehrmals geht es direkt zur Sache, wenn auch nicht so oft, wie man anhand des Covers und des Klappentexts erwarten würde. Diese wenigen Sexszenen beinhalten SM-Praktiken, allesamt geschmackvoll geschrieben. Phèdre lernt, ihre angeborenen Charaktereigenschaften zu akzeptieren, mit allen guten und schlechten Seiten. Sie trifft ihre Entscheidungen immer bewusst. Niemand zwingt sie dazu, sich unterzuordnen. Sie tut das, weil sie es will, und das Kurtisanen-System von Terre d’Ange sorgt dafür, dass ihr niemand etwas antun darf. Sie sucht im Übrigen ihre „Kunden“ selbst aus. Überhaupt ist die körperliche Liebe in dieser Welt mit viel Respekt und Offenheit verbunden.

Phèdre ist jedoch nur eine von vielen Figuren, die in Terre d’Ange eine Rolle spielen. Große Teile des Buches beschäftigen sich mit politischen Intrigen. Wem das schon in Das Lied von Eis und Feuer gefallen hat, der wird hier angesichts der vielen kleinen und großen Machtspielchen frohlocken. Kein Wunder, dass die Leser es daher mit einer Fülle von mehr oder weniger wichtigen Nebenfiguren zu tun bekommt. Melisande, die wichtigste Antagonistin im Roman, ist eine besonders faszinierende Figur. Gleichermaßen grausam und schön spielt sie ein undurchschaubares Spiel in der großen Weltpolitik. Phèdre hasst und liebt sie zugleich, und mir ging es als Leserin nicht anders.

Nicht nur die detaillierten Beschreibungen und die fein gewobenen Intrigen, auch die Sprache des Romans erinnert eher an einen dicken Historienschinken denn an ein Fantasybuch. Sie ist blumig, detailreich und gespickt mit (pseudo-)französischen Namen und Ausdrücken. Tatsächliche Geschichte und Mystik werden hier eng verwoben mit der leicht abweichenden Fantasyversion, was dazu führt, dass diese Welt und ihre Bewohner greifbar und glaubwürdig wirken. Magie und übernatürliche Wesen gibt es, aber sie bleiben eher im Hintergrund. Trotzdem bietet dieses Buch alles, was ich persönlich an epischer Fantasy schätze: eine bis ins Detail ausgearbeitete, glaubhafte Welt mit eigener Mythologie; eine große, weltumspannende Story, die von den Konflikten zwischen ganzen Völkern erzählt; dazu eine mutige Protagonistin, die nicht von Anfang an eine Heldin ist, sondern erst dazu wird, indem sie Höhen und Tiefen durchstehen muss.

Fazit

Dieser Roman ist einzigartig, vielschichtig, aber mit Sicherheit nichts für jeden Geschmack. Eines von jenen Büchern, die man entweder hasst oder liebt. Hier sei auch noch einmal eine explizite Warnung ausgesprochen: Ja, in diesem Buch gibt es Gewalt, Sex und Sadomasochismus. Definitiv nicht jugendfrei. Meiner Meinung nach aber definitiv lesenswert.


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Wertung


Kommentare: 2

  1. ... also der Klappentext hat mich überhaupt nicht angesprochen - im Gegenteil. Der ist wirklich ziemlich ungünstig gewählt, denn was du darüber schreibst klingt viel interessanter und tatsächlich so, als wäre es auch etwas für mich. Aber was für ein Wälzer! Nachdem ich kürzlich "Wintermärchen" von Helprin gelesen habe, möchte ich jetzt erst einmal wieder ein paar Büchlein mit moderater Länge lesen :D

    Liebe Grüße
    Jacy

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    1. Hallo Jacy,

      ich stimme dir zu, der Klappentext und das Cover versprechen eher eine schlüpfrige 08/15 Fantasy Romanze. Die Cover der Originalausgabe sind leider auch zum Davonlaufen hässlich. Ich bin auch nur durch eine Empfehlung (besser gesagt durch die Besprechung im Vaginal Fantasy Book Club) darauf aufmerksam geworden.
      Das neue englische E-Book Cover und der dazugehörige Klappentext sind zum Glück deutlich besser.

      Was Kurzes zwischendurch ist das sicher nicht, wenn du so etwas suchst, würde ich dir von diesem Buch eher abraten ;-) Aber vielleicht bekommst du ja später noch einmal Lust darauf.

      LG,
      Susanne

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