Montag, 9. Mai 2016

DER WINTER ERWACHT

Titel: Der Winter erwacht
The Winter King
AutorIn: C.L. Wilson / Übersetzerin: Anita Nirschl
Verlag: Bastei Lübbe / orig. Avon
Erscheinungsjahr: dt. 2015/ orig. 2014
Umfang: 384 Seiten

Die Sommerprinzessin Chamsin kann nicht glauben, was ihr Vater von ihr verlangt: Sie soll Wynter Atrialan heiraten. Den Mann, der ihre geliebte Heimat mit einem grausamen Krieg überzog. Der das Reich durch seine Magie im ewigen Winter erstarren ließ. Und der jetzt als Tribut eine Sommerprinzessin fordert. Niemals! Lieber stirbt sie, als ihn zu heiraten. Sie ahnt nicht, dass ihr Vater sie tatsächlich vor diese Wahl stellen wird ...

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Seit 14 Jahren trage ich jeden Tag den selben Ring am Finger. Nein, kein Ehering, sondern "Der Eine Ring", in Silber. Aber manchmal kommt es mir ein bisschen so vor, als wäre ich mit Tolkiens Welt verheiratet. Für epische Fantasy schlägt mein Herz, auch wenn ich zugegebenermaßen in den letzten Jahren etwas weniger gelesen habe. Bücher, die mich in eine vollständig neue Welt entführen, in der ich mich selbst als Leser langsam vorantaste und immer wieder etwas Neues entdecke, verdienen von mir besonderen Respekt. Hinter gutem Worldbuilding steckt neben einer ausgeprägten Fantasie auch harte Arbeit. Gutes Worldbuilding ist auch der Grund, warum Der Winter erwacht mich teilweise begeistern konnte ... leider gab es aber den einen oder anderen Moment, der mein Leseerlebnis getrübt hat

Fangen wir mal bei der Heldin an, Chamsin. Mit ihrem Schicksal habe ich Mitleid, auch wenn es eher melodramatisch daherkommt. Bewundern kann ich sie für ihre Stärke, mit der sie sich immer wieder zur Wehr setzt, anstatt klein beizugeben. Richtig sympathisch ist sie mir allerdings an keiner Stelle, was wohl an ihrem Hitzkopf liegt. Aber ihre Geschichte interessiert mich, ich will wissen, wie sie sich aus dieser aussichtslosen Situation rettet.

Roland Soldeus sagte stets, die Natur seines Feindes zu kennen, ist der sichere Weg zu seiner Vernichtung. (Kapitel 12)

Dann ist da noch der Held, Wynter. Er hatte es viel einfacher, mir sympathisch zu sein, jedenfalls in den Momenten, in denen wir die Geschichte aus seiner Perspektive erfahren. Im Gegensatz zu Chamsin überlegt er meistens, welche Auswirkungen seine Handlungen auf andere haben könnten. Er hadert mit sich selbst, will nicht immer der strenge König sein, der er ist.

Die beiden zusammen sind eine explosive Mischung. An heißen Szenen mangelt es in diesem Buch wahrhaftig nicht. Was mich zu meinem Hauptproblem mit diesem Buch führt. Eigentlich wären die beiden ein tolles Paar. Sie sind so unterschiedlich, dass es ständig knistert. Sie fordern sich gegenseitig heraus, gleichzeitig hat aber der jeweils andere das, was der Partner gerade braucht. Sie wären sich theoretisch ebenbürtig, wenn Chamsin ihre Kräfte als Wettermagierin besser unter Kontrolle hätte. Aber sie sind es nicht. Warum? Weil Wynter der König ist und der Ehemann. Und wenn er etwas will, dann hat sich Chamsin zu fügen. Sie will das nicht, sie sagt ihm das, notfalls wehrt sie sich auch mit Gewalt, aber sie unterliegt. Immer. Und das stört mich.

Einerseits verstehe ich, dass wir es hier mit epischer Fantasy zu tun haben. Damit sich diese Welt archaisch anfühlt, ist die Gesellschaft ans Mittelalter angelehnt. Frauen haben in einer solchen Gesellschaft nichts zu melden, vor allem Chamsin nicht, die ja wirklich nur eine Trophäe für den Winterkönig ist. Trotzdem. Es hat mich gestört, und zwar immer dann, wenn Chamsin gegen ihren Willen mit Wynter geschlafen hat, und es ihr am Ende dann doch gefallen hat. Mir ist klar, dass es sich hier um Fiktion handelt und es nicht darum geht, möglichst harmonische und gesunde Beziehungen zu beschreiben. Wir wollen von Liebesromanen entführt werden in eine Welt, in der Leidenschaft über die Vernunft siegt, in der sich Menschen ihren Trieben hingeben. Das ist Erotik, keine Romantik, und für sich selbst auch völlig plausibel. Aber ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass mir diese ungesunde Beziehung als aufkeimende Liebe verkauft werden soll. Das ist es mit Sicherheit nicht. Für mich wäre es auch in Ordnung, wenn die beiden sich nicht verlieben und einfach nur die flammende Leidenschaft zwischen sich genießen. Aber diese ungute Mischung aus Machtspielchen, Zuneigung und Abhängigkeiten hat mir nicht gefallen.

Der Roman hat eine ganze Menge toller Ansätze, die leider nicht richtig ausgeführt werden. Die Nebenfiguren bleiben seltsam oberflächlich, und auch die Hauptfiguren entwickeln sich meiner Meinung nach nicht besonders stark im Laufe der Handlung. Ich muss aber zugeben, dass ich dieses Buch doch recht schnell gelesen habe. Auch wenn ich Probleme mit den Figuren hatte, die Handlung hat mich gefesselt und der Roman war flüssig geschrieben. Kurz war ich versucht, nur drei Herzen zu vergeben, aber da mir das Worldbuilding wirklich sehr gut gefallen hat, werden es doch knappe vier Sterne. Vielleicht kriegt die Autorin im zweiten Teil noch die Kurve und lässt die beiden Hauptfiguren ein wenig aneinander wachsen, damit ihre "Liebe" halbwegs glaubhaft wird.

Fazit

Zusammenfassen könnte man dieses Buch mit: Frozen meets Game of Thrones. Wer ein romantisches Märchen sucht, wird hier nicht fündig. Wer Erotik und epische Weltentwürfe mag, dem könnte Der Winter erwacht gefallen. Sehr knappe vier Herzchen für den ersten Teil.


Der Kellner empfiehlt

Eisgekühlten Wodka mit einem Schuss Tabasco.


Wertung


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